Mein Bekenntnis – zum Verständnis

von Martin Henkemeier

Ja, ich gestehe: Am Anfang war ich auch dabei. Befürchtungen um die Verhältnismäßigkeit im politischen Handeln rufen mich zur Corona-Demo. Kulturschaffend kreativ bunt verpackt trete ich auf, den roten Halsschlauch als Maske über das gesamte Gesicht gezogen, bis unter die Mütze. Anonym, aber auffällig.
„Gesundheit für alle Menschen“ steht auf meinen knallgelben Brust- und Rückenschildchen. Und: „Solidarität ohne Grenzen“.

Auch wenn ich längst nicht mehr auf der Straße bin, mich „gegen rechts abgrenzen“ möchte, begleiten mich diese Kern-Anliegen bis heute, als wichtigste Pfeiler meiner differenzierten Kritik am vielfältigen Agieren und Geschehen in der Krise. Sie begleiten mich durch Verwirrung, Irritation, Unverständnis, Empörung, Fassungs- und Hilflosigkeit, durch fieberhaftes Recherchieren, hitziges Diskutieren, Protestieren, Engagieren, Resignieren, durch schlaflose Nächte und verzweifelte Tage. Und sie haben als Forderungen Bestand.

Zahlreiche Entwicklungen nähren meine Erschütterung:
Die Zustände und Ereignisse in den Flüchtlingslagern an den europäischen Grenzen werden zusehends dramatischer. Feuer, Kälte und mangelnde Ausstattung fordern ihren Tribut. Ganz zu schweigen von denjenigen, die erst gar keine Möglichkeiten haben zu fliehen, vor allem Frauen und Kinder: Durch die Rettungsmaßnahmen in den wirtschaftsstarken Staaten geraten die ohnehin benachteiligten Länder noch mehr ins Elend. Armut und Hunger nehmen zu, ergänzt durch besonders heftige Naturkatastrophen – der im Krisenmodus aus dem Blickfeld geratene Klimawandel, in seiner Tragweite aus meiner Sicht um vieles größer als die sogenannte Pandemie, lässt grüßen.

Wo ist sie, die Solidarität, an die in diesen Monaten so inflationär appelliert wird?
Sie bleibt innerhalb der jeweils nationalen, bestenfalls europäischen Grenzen. Mehrere Millionen Euro sind mittlerweile umgerechnet für jede vor dem Tod durch Corona „gerettete“ Person hierzulande aufgewendet worden. Um anderswo ein hungerndes Kind aus akuter Lebensgefahr zu bringen, benötigen Hilfsorganisationen den Geldwert eines einzigen PCR-Tests. Diese mit Verlaub in ein Zahlenbeispiel gebrachte Ungleichheit ist im Prinzip nicht neu, erreicht aber durch die Krise aktuell einen fragwürdigen Höhepunkt. Gerade hat Oxfam die fatale Dynamik zwischen Arm und Reich weltweit angemahnt.

„Menschen sterben“ höre ich allenthalben als Drohszenario einer restriktiven Pandemiebekämpfung. Gemeint sind deutsche Menschen. Das trifft meinen Gerechtigkeitssinn empfindlich. Dass deutsche Politiker*innen zunächst für deutsches Leid zuständig sind, mag verfassungsgeboten sein. In einer globalisierten Welt mit globalen Problemstellungen wirkt diese Prämisse längst überholt.
Corona hätte eine große Chance sein können, die Weltgemeinschaft als Einheit zu begreifen. Stattdessen wirkt das Virus regressiv: angstgesteuerter Aktionismus, Nationalismus, kleinlicher Ressourcenstreit (zuletzt beim Impfstoff), Polarisierung, Schuldzuweisungen, Rechthaberei, Selbstbezogenheit und weitere bedauerliche Erscheinungen prägen den Umgang mit der Krise.
Schlagen hier Urängste und unterbewusste Identifizierungen durch? Überfordert uns weltumfassende Nächstenliebe? Nie jedenfalls in 60 Jahren hat es mich mehr beschämt, zu den Privilegierten dieser Welt zu gehören.

Für ein Ende der Betrachtungen ist mir dieser Blickwinkel jedoch zu resignativ. Schließlich steht „Herz auf!“ für mehr. Für die Fragen hinter den Fragen, für die Weisheit jenseits der Klugheit, für die Ebenen über dem Offensichtlichen.
„Probleme kann man niemals mit der selben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, wird Albert Einstein oft zitiert. Bedenkenswert.
In diesem Sinn möchte ich mit Fragen enden, die auch ich mir in dieser Zeit stelle und die möglicherweise beitragen können, über die jeweilige Perspektive hinaus zu schauen, mit dem Herzen zu lauschen. Ein Versuch.

Wie kann ich zu friedvollem Miteinander in kämpferischen Zeiten Beitragen?
Wie funktioniert wertschätzende Kommunikation zwischen aufgebrachten Gemütern?
Wo entsteht Gemeinschaft und Verbundenheit jenseits unmittelbarer Begegnung?
Wo ist mein innerer Kompass im äußeren Chaos?
Wo verstricke ich mich in alte Gewohnheiten? Wo treten neue Ansätze und Impulse in Erscheinung?
Was will die Krise mir zeigen?
Welche tieferen Erkenntnisse, welche höheren Botschaften verbirgt das äußere Geschehen?
Was bedeutet Tod? Was macht Leben aus?
Wo führen mich Angst, Trauer oder Verzweiflung hin zum Wesentlichen?
Wie spüre ich es, das Wesentliche? Wie komme ich ihm näher?
Was passiert in Momenten von Stille?
Was geschieht in mir – jeden Moment?
Was ist jetzt?
Was ist wirklich?

Als Netzwerk bleibt unsere Aufgabe, Räume für erhellende Einsichten, wegweisende Ahnungen und unerwartete Antworten auf diese Fragen zu ermöglichen. Gerade in Krisenzeiten.
Hier bei allem bin ich zuversichtlich, dass diese Intention widrige Umstände und Zweifel überwinden und uns zu Dienenden des Wesentlichen machen kann.
Also: „Herz auf!“

11 Antworten zu Mein Bekenntnis – zum Verständnis

  1. Stefan sagt:

    Schöne authentische Worte… danke

  2. Joachim sagt:

    Ich danke Dir, Martin

  3. Angelika Specht sagt:

    „Nie jedenfalls in 60 Jahren hat es mich mehr beschämt, zu den Privilegierten dieser Welt zu gehören…“ schreibst du.
    Berührtsein ja, wie du es mit vielen Sätzen beschreibst, doch Scham, finde ich, sollte eher nicht dabei sein. Vielmehr geht es doch Handeln, wo Handeln in unserem jeweiligen Rahmen geboten ist. Und ein Nachdenken darüber, wo ich einen Spielraum für beides sehe. Ja, ich möchte Leid anderer mindern und gleichzeitig auch selbst akzeptabel leben. So interpretiere ich auch deinen ermutigenden Ausruf ‚Herz auf‘.

  4. Sabine sagt:

    Lieber Martin,

    danke für das Teilen Deines Gefühls- und Gedankenlebens.
    Ich kann Dein Entsetzen gut verstehen. Auch mich beutelt es zwischendurch ganz erheblich.
    Doch hat mein Sinnieren mir auch folgendes klargemacht:

    Corona hat uns eine Demonstration von Verbundenheit geschenkt, wie ich sie so in diesem Leben auch noch nicht erlebt habe:

    1. Das Virus kennt keine nationalen Grenzen und geht von Mensch zu Mensch, von Land zu Land. Niemand kann mehr behaupten, das geschehe ja nur in einem anderen Teil der Welt und ginge einen somit nichts an. Wichtig, dass dieses Arguement mal außer Kraft gesetzt und damit deutlich wird, was anderen geschieht, betrifft uns auch.

    2. Die Bereitschaft zu gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Nachbarschaften und auch durch entsprechende Initiativen ist höher als ich das je vorher erlebt habe.

    3. Man kann sich im Lockdown nicht mehr so effektiv von sich selbst und seinen inneren Themen ablenken wie sonst. Es ist eine große Chance, sich bewusst zu werden, was die inneren Grundlagen für die eigenen Ängste, Aggressionen, Ohnmachtsgefühle wirklich sind und sich dem widmen.

    Ausgehend von der Annahme, dass nur verletzte Menschen andere Menschen verletzen, gibt es meiner Ansicht nach im Interesse eines respektvollen und wertschätzenden Miteinanders nichts Vordringlicheres zu tun als eigene emotionale Verletzungen zu erkennen und zu heilen. Dazu lädt uns Corona ein.

    Keine Einzelperson ist imstande die Welt zu retten, doch wenn jeder Mensch den Boden in seinem eigenen Garten wieder fruchtbar macht (Unkraut jäten, auflockern, düngen und mit allem Wichtigen nähren) und Pflanzen der Liebe sät, dann kann die Welt Pflänzchen um Pflänzchen zu einem Garten Eden werden. Dazu können wir alle beitragen. 🙂

  5. GErhard sagt:

    Lieber Martin,

    danke dir für das Stellung beziehen ohne zu spalten.

  6. Gabi sagt:

    Ja, es stimmt. Die Folgerungen von Corona sind grösser wie Corona selbst. Erst mussten Tiere verhungern, jetzt verhungern Menschen 🙁 ……

  7. Iris sagt:

    Lieber Martin,

    es gibt einen On-line-Shop der Schwingungsessenzen anbietet. Dort kann man auch individuelle Themenessenzen herstellen lassen. Mir hilft das zur Zeit sehr.

    https://www.essenzenladen.de/de/essenzen/individuelle-mischungen/?p=1
    (auf der Seite etwas nach unten scrollen)

    • Martin sagt:

      Na, das ist ja mal eine Anregung ganz im angesprochenen Sinne, das Problem auf einer anderen Ebene zu erschließen, liebe Iris. Vielen Dank.
      Übrigens hat allein das offene Zeigen meiner Besorgnis schon einiges bewegt…

  8. Marlene Staab sagt:

    Martin, wir sind uns soweit einig, es ist kaum noch zu ertragen, dass wir die Welt gerade an die Wand fahren, mit den Flüchtlingen, Klimakrise, durch letzteres noch viel mehr Hungernde, Tote, Verteilungskriege und Elend in der Welt.

    Und ich empfinde es so, die Welt konfrontiert uns mit dieser Frage, auch durch Corona, und wir werden dieser Frage nicht mehr ausweichen können.

    Und wenn doch ausgewichen wird, treibt es in die Extreme und das ist für die Problematik der Welt null hilfreich, eher destruktiv.

    Für mich sind das u.a. Extreme nach rechts und Extreme in „Corona-Weltverschwörungs-Erzählungen“.

    Ich gehöre dann natürlich, dem gegenüberstehend, zu den „Corona-Angst-Narrativ-Gläubigen“.

    Die Kontrahenten stehen sich gegenüber, und werfen sich spiegelbildlich fast dieselben Sachen vor:

    – die Gegenseite ist einem „Narrativ“ erlegen und nicht mehr ganz zurechnungsfähig
    – die Gegenseite ist faschistisch
    – die Gegenseite ist gefährlich
    – es hat keinen Zweck, sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen

    Hervorragend! Wir sind in der Spaltung angekommen und das auch mitten in Göttingen und in unserem Bekanntenkreis.

    Was mich zuletzt am meisten im Austausch erschreckt hat:

    – meine Bekannten posten Inhalte rechtsradikaler online-Magazine, z.b. compact
    oder wochenblick.at

    – es werden Beiträge von rechtsextrem oder antisemitisch verbandelten Autoren
    gepostet und für gutgeheißen

    – wenn ich die Bekannten darauf anspreche, kommt entweder die „Entfreundung“,
    die Erklärung, das sind ja die einzigen, die die Wahrheit mal aussprechen oder die
    Erklärung, die Autoren würden ja fälschlich rechtsradikal gelabelt (z.B. durch
    Wikipedia)

    – ich höre: “ ich habe mehr Angst vor der Mitte und nicht so sehr vor der AFD“

    – ich höre: „wenn ich als „Coronaleugner“ bezeichnet werde, geht es mir wie damals
    den Juden“

    – „die AFD ist die einzige Oppositionspartei“

    Dazu dann noch die Hetze von Schiffmann: „wir folgen nicht dem Malzeichen des Tieres“…“was hier läuft ist exakt das genau dasselbe was hier 1933 gelaufen ist“…“dann werden sie endlich kapieren, dass sie Elemente einer faschistischen Regierung sind“…“Leute, die dieses Götzenbild Impfung anbeten, die werden zugrunde gehen und sterben“….“wir sind Engel Gottes“.

    Ganz ehrlich, mir wird zunehmend unwohl!

    „Schlauere Theorien“ der „anderen Seite“ hab ich mir auszugsweise kurz angeschaut, u.a. Rainer Mausfeld. Was sagte ein linker Rezensent zu Mausfeld: Marx und Engels haben das Problem schon vor langer Zeit ausgiebig analysiert, Mausfeld hingegen sei so simpel gestrickt, dass die edle Einfalt schon wieder beeindruckt.

    https://www.freitag.de/autoren/wwalkie/von-hirten-und-laemmern

    Gibt es hier in diesem Blog Ideen, wie die Spaltung überwunden werden kann?

    Herzliche Grüße, Marlene

    • Martin sagt:

      Liebe Marlene,
      in den letzten Wochen des vergangenen Jahres hatte ich unter dem Titel „Herzensgespräche: Corona“ zu Gesprächsrunden eingeladen mit der Intention, im persönlichen Kreis einen Dialog zu erproben, der explizit eine Spaltung vermeidet. Zuhören, Mitfühlen und Verstehen sollten im Mittelpunkt stehen.
      Diese Qualitäten prägten schließlich auch den Austausch. Allerdings (oder vermutlich deshalb) blieben die von dir benannten Spaltungserscheinungen aus. Das wird aus meiner Sicht an mehreren Faktoren gelegen haben:
      1. Hier trafen sich Menschen mit grundsätzlichem Wohlwollen gegenüber einander, sehr bereit, mitfühlend zuzuhören.
      2. Die Gruppen erschienen mir doch vergleichsweise homogen.
      3. Das persönliche Gespräch im Kreise wenig Vertrauter, so mein Eindruck, gewährt per se eine vorsichtigere Umgehensweise.
      4. Die Runden waren von vornherein strukturiert.
      5. Die Spaltungserscheinungen im Netz werden durch die gewisse Anonymität begünstigt und treten in Präsenzgruppen ohnehin deutlich gemäßigter auf.
      Zur Zeit sind diese Gesprächsrunden, die ich vom Charakter her Selbsthilfegruppen zuordnen würde, leider nicht erlaubt. Vielleicht passt für dich ein solcher Rahmen, wenn er bald wieder möglich ist.
      Sonst können wir uns gern auch mal auf ein Wort oder einen Spaziergang verabreden.
      Herzlich, Martin

  9. Marlene Staab sagt:

    Lieber Martin,

    das wohlwollende Gespräch zwischen einerseits Anhängern von Verschwörungsnarrativen, also dem Glauben, dass wir böswillig gesteuert werden mit Propaganda um irgendwelche Pläne umzusetzen und die Coronamaßnahmengegner sind die Opfer (wie die Juden) und die anderen sind die Schlafschafe und andererseits Menschen, die diese Ansicht für Unsinn halten, dass möchte ich gern erleben!

    Also wenn eine neue Gesprächsrunde entstehen sollte in dieser Richtung, wäre ich sehr interessiert.

    Noch mal zur Klarstellung:
    natürlich gibt es Lobbyismus und Steuerung in der Welt zu unserem Schaden (und das sollte dringend geändert werden)!
    Aber nicht so, wie von den Verschwörungsnarrativanhängern dargestellt!

    Vielleicht bei Gelegenheit mal treffen, wär eine Idee!

    Liebe Grüße, Marlene

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